Die gezähmte Wildnis
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Die gezähmte Wildnis

Warum das Schlafen unter freiem Himmel politisch ist. Ein Essay über Freiheit, Klasse und die Ästhetik der Natur.

Wer in Deutschland unter freiem Himmel schlafen will, braucht eine Genehmigung - oder bricht das Gesetz. Es klingt banal, fast lächerlich: Ein Zelt, ein Schlafsack, ein Stück Erde, alles verboten. Doch hinter dieser Banalität steckt System. Das Verbot des „Wildcampens“ ist mehr als ein Ordnungshinweis: Es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es zeigt, wem die Freiheit gehört und wem nicht.

Das Übernachten im Freien ist in Deutschland grundsätzlich verboten. Nur auf ausgewiesenen Flächen, etwa Campingplätzen und einigen wenigen Trekkingplätzen, darf man sein Zelt aufschlagen. Diese Orte sind bürokratisch reguliert und kosten auch nicht nur ein paar wenige Euro.

Wer in der Natur nächtigen möchte, ohne zu zahlen, wird ausgeschlossen. Eine sehr ursprüngliche Form der Freiheit - draußen sein, ohne Konsum - wird nicht nur verboten, sondern aus der gesellschaftlichen Vorstellung komplett entfernt.

Besonders Menschen mit wenig Einkommen trifft das hart. Die Natur als kostengünstiger Rückzugsort, als Ort des Durchatmens und der Entlastung, bleibt ihnen verwehrt. Das Gesetz zieht hier, leise und unscheinbar, eine Klassenschranke: Wer Natur erleben will, muss sie sich leisten können.

Pierre Bourdieu hat gezeigt, dass der sogenannte „Geschmack“ kein individuelles Empfinden ist, sondern ein sozialer Code. Geschmack ist ein Werkzeug sozialer Abgrenzung: Distinktion. Und auch in der Beziehung zur Natur zeigt sich diese Abgrenzung.

Für die oberen Mittelklassen ist Natur etwas Kuratiertes: Sie wandern in teurer Funktionskleidung, fahren im Wohnmobil oder buchen Hütten mit WLAN. Ihr Naturerlebnis ist kontrolliert, komfortabel, kultiviert. Der Aufenthalt im Freien ist Luxus. Die Finanzen und die (freie) Zeit zeigen an: hier bin ich, ich bin wer, ich kann mir das leisten. Ganz anders bei den weniger privilegierten Klassen: Wer draußen schläft, weil er es sich anders nicht leisten kann, gilt als „verwahrlost“. Wer es gar freiwillig tut, ist äußert verdächtig. Die gesetzliche Regelung verdrängt damit jene Formen des Draußenseins, die nicht ins bürgerliche Bild von „Naturgenuss“ passen.

Das Wildcamping-Verbot wird zum Mittel symbolischer Gewalt, eines stillen Zwangs, durch den die kulturellen Maßstäbe der herrschenden Klasse als selbstverständlich und als Maßstab für alle geltend gemacht werden. Es wird definiert, was ein „angemessener“ Zugang zur Natur ist, und wer diesen Zugang wie zu nutzen hat. Hier wird nicht mit Gewalt, sondern mit Ordnung, Hygiene und Ästhetik gearbeitet. Das funktioniert ohne Schlagstock, sondern über Regeln, Formulare, Gebühren. Der öffentlichen Raum wird „sauber“ und das Störende wird unsichtbar. So wie Obdachlose aus Innenstädten verdrängt oder Parkbänke unbewohnbar gestaltet werden, wird auch die Wildnis domestiziert. Nicht aus ökologischer, sondern aus ästhetischer Sorge.

„Es geht nicht darum, die Natur zu schützen – sondern darum, sie für bestimmte Menschen zu reservieren.“

Das Gesetz zieht eine unsichtbare Linie:
Wer zahlt, darf bleiben.
Wer nichts hat, soll gehen.
Der Unterschied zwischen „Camper“ und „Obdachloser“ liegt nicht im Tun, sondern im Kontoauszug.

Bourdieu hat recht: Kultur ist nie neutral. Der „Geschmack der Natur“ ist ein Klassencode, ein Distinktionsmerkmal:

  • „Naturnähe“ als Luxus: Für die Wohlhabenden ist sie eine Ware, schön verpackt in Outdoor-Marken, Wellness-Hütten oder Yoga-Retreats. Sie „erleben“ Natur in kuratierten Dosen, sicher, sauber, bezahlt.
  • „Natur als Not“: Für die Armen ist Natur kein Erlebnis, sondern Notwendigkeit: Schlafplatz, Rückzugsort, Überleben. Diese Form der Naturnähe wird pathologisiert – als „Verwahrlosung“, als Zeichen des Scheiterns.

Das Verbot schützt nicht die Natur - es schützt eine Vorstellung von Natur, die von der Gesellschaft entworfen wurde: geordnet, ästhetisch, kontrolliert. Eine Natur, die man konsumiert, nicht lebt.

Der Unterschied liegt nicht im Ort – sondern im „Warum“ und „Wie“.

Das Wildcamping-Verbot wirkt auf den ersten Blick banal, beinahe sogar vernünftig. Doch ist es wie bei so vielen Dingen, die auf den ersten Blick vernünftig wirken: bei genauerem Hinsehen zeigen sich die feinen Linien sozialer Macht:

Wer gilt als Abenteurer, wer als Problem?

Es ist ein Beispiel dafür, wie sich Wohlstand in Freiheit umwandelt. Und dafür, wie die Natur, jener alte, gemeinsame Raum des Menschseins, in der modernen Gesellschaft nicht mehr allen gehört, sondern jenen, die sie sich leisten können.

Vielleicht ist das eigentliche Tabu unserer Zeit nicht das Schlafen im Wald, sondern die Idee, dass Freiheit nichts kosten darf.

Rest Is Resistance
Rest is care. Rest is radical. Rest Is Resistance. Rest is a form of resistance because it disrupts and pushes back against capitalism and white supremacy. Both these toxic systems refuse to see the inherent divinity in human beings and have used bodies as a tool for production, evil, and destruction for centuries. Our collective rest will change the world because our rest resides in a Spirit of refusal and disruption. Rest is our protest. Rest is resistance. Rest is reparations.
(Tricia Hersey. 2014. Rest Is Resistance, The Nap Ministry)

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Townday Essay