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Gearification: Warum wir vergessen haben, worum es wirklich geht
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Gearification: Warum wir vergessen haben, worum es wirklich geht

Berge, Wälder, endlose Trails füllen meine Feeds, meine Sehnsüchte und meine Warenkörbe. Doch die Wahrheit ist: Der Outdoor-Boom, so wie er heute inszeniert wird, hat nichts mit Naturverbundenheit zu tun. Stattdessen haben wir die Natur zur Bühne gemacht und das Draußen zu einem Produkt.

Vom Abenteuer zur Ästhetik

Früher war Draußensein einfach: bequeme Schuhe, Rucksack, Brotzeit. Heute scheint das unvorstellbar. Zwischen Gorpcore und Hashtags ist das Draußen zum Symbol, zum Achievement geworden.

Marken wie Patagonia, Arc’teryx oder The North Face begannen einst mit der ehrlichen Absicht, funktionale Kleidung für Menschen herzustellen, die sich jenseits der Zivilisation bewegten. Heute zieren ihre Logos die Einkaufsstraßen der Großstädte. Wer „draußen“ ist, trägt die Zeichen nicht mehr, um Wind und Wetter zu trotzen, sondern um sich abzuheben und dazuzugehören[1].

Wir kaufen Ausrüstung längst nicht mehr, weil wir sie brauchen, sondern weil wir jemand sein wollen. Die Outdoor-Industrie funktioniert, weil sie zwei anthropologische Konstanten ästhetisch und ökonomisch bündelt: Sie verkauft Zugehörigkeit durch Symbole des Abenteuers. Das Logo wird zur Initiation, der Rucksack zum Totem. DAS spricht die spätmodernen Bedürfnisse an, nicht etwa der Schutz vor Wind und Wetter.

Wir wollen uns als Hiker, Trailrunner, Climber oder Backpacker verstehen und verstanden wissen. So wird Konsum zur Identität, und das Logo auf der Jacke ersetzt die Erfahrung. Passgenaue Influencer, Marketingkampagnen und Gear-Videos füttern diese (Sehn-)Sucht, jedes „Review“, jeder Rabattcode hält den Kreislauf am Laufen.

Das Resultat: Wir vergleichen, bewerten, kaufen und vergessen dabei ganz, rauszugehen - oder uns genügt schon die Imagination, dieses “ich könnte, wenn ich wollte”, auf dem weite Teile unserer Warenwelt basiert[2]. Die Simmel’sche Tragödie der Kultur. Das Produkt emanzipiert sich vom ursprünglichen Erlebnis, und das Subjekt verliert den Anschluss an das, was es selbst hervorgebracht hat - bis beides ganz im Simulacrum aufgeht.

„Das Simulacrum ist nicht das, was das Wahre verbirgt – es ist die Wahrheit, die verbirgt, dass es keine Wahrheit gibt.“[3]

„Gear“ wird zum Simulacrum der Naturerfahrung, zur Hyperrealität des Draußenseins. In der Spätmoderne leben wir nicht mehr in der Tragödie, sondern in der Simulation der Tragödie: das Leid wurde ästhetisch, das Reale ornamental.

Nachhaltigkeit und das ökologische Gewissen sind wesentliche Teile dieses Ringens um Identitäten. Auch Marken, die mit Umweltbewusstsein werben, leben von der ständigen Erneuerung. Das berühmte „Don’t buy this jacket“ von Patagonia war als kluge Provokation gedacht und mündete in Rekordverkäufen.

Wir konsumieren, um nicht zu konsumieren. Wir kaufen „nachhaltige“ Produkte, um unser Gewissen zu beruhigen. Doch jeder Neukauf, egal wie sehr recycelt oder bio er ist, bleibt ein Konsumakt. Nachhaltigkeit als Lifestyle bleibt ein performativer Widerspruch, solange sie in Verpackungsfolie gewickelt wird: Post-ironische Nachhaltigkeit.

Was wir verloren haben und was wir gewinnen können

Das Tragische ist ja nicht, dass Outdoor-Ausrüstung durch diese Entwicklungen teurer wurde, sondern dass sie dadurch zu einer Zugangshürde geworden ist: die Outdoor-Industrie, einst Türöffner, ist zum Türsteher geworden.

Die Menschen glauben, sie könnten ohne die „richtige“ Ausrüstung zu besitzen, nicht wandern. Diese Vorstellung, genährt von Werbung, Influencern und Gleich- und Andersgesinnten, schließt dann auch jene aus, die das Draußen am meisten brauchen: Menschen, die in der Natur Ruhe, Ausgleich oder Selbstwirksamkeit suchen.

Es braucht keine neue Marke, sondern eine radikal neue Haltung, um dieses Problem zu lösen. Wir müssen lernen, unsere eigenen Erfahrungen wieder höher zu bewerten als die Erfahrungen anderer.

Ausrüstung ist ein Werkzeug, kein Wertmaßstab. Pflege, Reparatur, Wiederverwendung, MYOG, Gabentausch, das ist die alte, neue, eigentliche und relevante Ethik des Draußen-Seins[4]. Wenn wir aufhören, das Draußen zu konsumieren, können wir es wieder erleben. Die Natur verlangt nichts von uns, keine Marke, keine Perfektion, keine Performance. Präsenz genügt.

Das Draußen ist kein Lifestyle. Es ist ein Ort. Ein Zustand. Ein Recht.

Wir können weiter glauben, dass die Natur ein Produkt ist, das man sich leisten muss. Oder wir erinnern uns daran, dass sie unser gemeinsames Erbe ist: frei, einfach und einfach da.


  1. Mehr zu Habitus und Distinktion bei: Bourdieu, Pierre. 1989. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. ↩︎

  2. Erhellendes zu diesen Mechanismen in Kapitel 5 und 9 in: Campbell, Colin. 1987. The Romantic Ethic and the Spirit of Modern Consumerism. Oxford: Blackwell. ↩︎

  3. Natürlich ist das Draußen in Teilen schon einer Hyperrealität gewichen (mindestens hier im Disneyland Alpen): Baudrillard, Jean. 1996. Simulacra and Simulation. Michigan: University of Michigan Press. ↩︎

  4. Outdoor-Ethik bedeutet, Naturerfahrung als Recht und Verantwortung zugleich zu verstehen – frei zugänglich, vielfältig gestaltet und solidarisch geteilt. ↩︎

Natürlich ist dieser Text eine Innenansicht. Gear fasziniert mich, die Sehnsucht nach Abenteuer und der Wunsch nach Zugehörigkeit zu diesen wilden, unabhängigen Abenteurer:innen gehört selbstverständlich zu meinem Leben. Ich habe, seit ich 30 bin, immer wieder in der Outdoor-Industrie gearbeitet, hatte einen Outdoor-Blog, habe einen Schrank und etliche Kisten mit Ausrüstung, die ich gar nicht nutzen kann. Etwa der Eispickel? Ein Andenken an die ruhmreiche, alte Zeit der (lächerlich wenigen) Hochtouren. Heute nur noch/immerhin noch ein semiotisches Artefakt – ein Objekt, das Erinnerung, Identität und Mythos verbindet. Er liegt nicht etwa nutzlos herum, sondern trägt Bedeutung: er ist eine materielle Brücke zu einer symbolischen Selbstdefinition.

Und doch wäre es zu einfach, meine Einsichten als Aufruf zur Askese zu verstehen („ich brauche keine Ausrüstung mehr“). Viel interessanter ist doch die Frage: Wie lässt sich die Faszination für Gear transformieren, statt sie zu verdrängen? Die Freude an gut gemachter Ausrüstung ist nicht per se Konsumismus, sie kann auch Ausdruck handwerklicher Achtung sein. Und der Eispickel gehört in meine Geschichte, nicht in den Keller der Scham. Vom Objektgebrauch zur Bedeutungsarbeit, vom Konsum zur Sorge. Und dieser Blog hier, dieser Beitrag? Der Versuch, eine Form epistemischer Ehrlichkeit in der Tragödie der Wirklichkeit zu schaffen.
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Essay Townday MYOG